Marienlieder

 
  

 

An die heilige Jungfrau

24. Dezember 1811

Maria! süße Königin!
Es steigt hinauf zu dir mein Sinn.
Ein Strahl von deinem Angesicht
Ist mehr, als Mond- und Sonnenlicht.

Das Wunderkind auf deinem Arm
Stillt jede Sehnsucht, jeden Harm;
Du drückst es ewig an dein Herz,
Ach, wer da ruhte sonder Schmerz.

O Mutter laß mich bei dir sein,
In deinen Schleier hüll' mich ein;
Wen du nur einmal angeblickt,
Ist ewig selig und beglückt.

Max Schenkendorf


Weihnachtslegende

Ich bin durch Winter und Wald gegangen,
Eia Maria,
Ich bin durch den Winterwald gegangen,
Sah alle Tannen voll Sternen hangen,
Engel standen im Schnee und sangen,
Eia Maria.

Auf einer Lichtung im weißweißen Wald,
Eia Maria,
Erschien deine gebenedeite Gestalt,
Deine Augen strahlten solche Gewalt,
Daß ich mich zitternd am Baum gekrallt,
Eia Maria.

Du trugst auf deinen Armen lind,
Eia Maria,
Das himmlische, das irdische Kind,
Und dein Gefolge war Schnee und Wind,
Reh, Wiesel und Maulwurf blind,
Eia Maria.

Du zeigtest den Tieren deinen Sohn,
Eia Maria,
Die Menschen haben für ihn nur Hohn -
Da neigten sich Hirsch und Hase schon,
Der Wind wehte sanft, der Schnee fiel wie Mohn,
Eia Maria.

Du stiegest empor durch Tann und Farr,
Eia Maria.
Da beugten die Bäume sich mit Geknarr,
Da neigten die Felsen sich felsicht und starr,
Und da kamen auch Menschen - ein Kind und ein Narr -
Eia Maria.

Klabund


Idyll

Maria, unterm Lindenbaum,
Lullt ihren Sohn in Schlaf und Traum.

Herr Joseph auch, der wackre Greis,
Ist eingenickt und schnarcht ganz leis.

Vier Englein aber hocken dicht
Auf einem Ast und schlafen nicht.

Sie schlafen nicht und singen sacht,
Kein' Nachtigall es besser macht.

Groß überm Wald her, Himmelsruh,
Hebt sich der Mond und guckt herzu.

Maria reißt die Augen auf,
Ihr fiel ein Schlummerkörnlein drauf.

Und ist erst in der halben Nacht,
Daß sie bei ihrem Kind gewacht.

Sie sieht in all den Silberschein
Mit großen Augen still hinein.

Hört kaum das Lied von obenher,
Ihr Herz ist bang, ihr Herz ist schwer.

Ein Tränlein fällt ihr auf die Hand
Und blitzt im Mond wie ein Demant.

Gustav Falke


Mariä Sehnsucht

Es ging Maria in den Morgen hinein,
That die Erd' einen lichten Liebesschein,
Und über die fröhlichen, grünen Höh'n,
Sah sie den bläulichen Himmel stehn.
"Ach, hätt' ich ein Brautkleid von Himmelschein,
Zwei goldene Flüglein - wie flög' ich hinein!" -

Es ging Maria in stiller Nacht,
Die Erde schlief, der Himmel wacht',
Und durch's Herze, wie sie ging und sann und dacht',
Zogen die Sterne mit goldener Pracht.
"Ach, hätt' ich das Brautkleid von Himmelsschein,
Und goldene Sterne gewoben drein!"

Es ging Maria im Garten allein,
Da sangen so lockend bunt' Vögelein,
Und Rosen sah sie im Grünen stehn,
Viel' rothe und weiße so wunderschön.
"Ach, hätt' ich ein Knäblein, so weiß und roth,
Wie wollt' ich 's lieb haben bis in den Tod!"

Nun ist wohl das Brautkleid gewoben gar,
Und goldene Sterne im dunkelen Haar,
Und im Arme die Jungfrau das Knäblein hält,
Hoch über der dunkelerbrausenden Welt,
Und vom Kindlein gehet ein Glänzen aus,
Das ruft uns nur ewig: nach Haus, nach Haus!

Joseph Freiherr von Eichendorff


Weihnachtslegende

Maria lag in Schmerzen sieben Stunden,
Und ihre Augen leuchteten nach innen,
Da gab man ihr, gehüllt in weisses Linnen,
Den jungen Gott, der sich zu ihr gefunden.

Sie zitterte, der schwachen Hand zu trauen,
Aus Furcht, er möchte fallen. Doch er schwebte
Ganz ohne Schwere über ihr im blauen
Nachthimmel, während ihre Ahnung bebte.

Klabund